Karina ist weggezogen


Unser Plan zu diesem Zeitpunkt war klar gefasst, aber
mit bloßen Händen gar nicht machbar. Es war Winter
1986, als wir in der schwarz-weißen Welt gefangen waren,
aber in keiner Weise ahnten, wie es in ihr brodelte.
Für uns war nur der Schnee wichtig, den es damals
reichlich gab. Mit eisernem Willen, und ohne Furcht vor
Kälte, gruben wir, trugen wir und kratzten wir die wei-
ße Pracht zusammen, um eine Mauer zu errichten. Ja,
wir wollten wirklich eine Mauer aus Schnee bauen, mit
fünfjährigen Händen. Dimensionen erfasst man als Kind
anders, daher waren wir unserem Ziel ständig nahe und
stolz. Heute würden wir Lachen.

Mein Kumpane war Christian, er hieß wie ich, obwohl
meine Mutter oft erwähnte, dass zum Zeitpunkt meiner
Geburt der Name in unserer Gegend rar war. Sein
Wohnhaus, ein 70er-Jahre-Altbau, mit Kachelofen im
zentralen Teil der Wohnung und in einer kleinen Seitenstraße,
etwa zehn Minuten Fußweg vom Stadtzentrum
gelegen, war nicht nur Zeuge unseres Treibens, sondern
noch vieler weiterer Geschichten, von denen sich heute
wahrscheinlich die Wenigsten erzählen.

Meine Erinnerung an Christians Familie ist kindlichschwammig,
aber ich weiß noch, dass ihr ein eigenartiger
Ruf anhing. Ich glaube sie hat sich auf irgend eine Sache,
die sie mal tat, etwas eingebildet und auf Bewunderung
der Nachbarn gewartet. Eigentlich bestand sie aber auch
nur aus Durchschnittsbürger der 80er Jahre. Einzig,
dass diese Menschen ein Auto hatten, was damals selten
war, hat sie von der breiten Maße unterschieden.

Das Haus in dem Christian wohnte war nach hinten hinaus
mit einer Rasenfläche ausgestattet. Mein Wohnhaus stand
zwar direkt daneben, aber dahinter gab es
nur Kieselsteine. Fies, weil ich als Kind im Sommer
häufig ohne Schuhe umherspaziert bin, und mir einmal
sogar einen Stein in die Ferse eingetreten habe. Selbst bei
längerer Überlegung ist mir heute nicht mehr klar, ob
das der Realität entspricht, aber ich sehe das Bild noch
vor mir – und die Wunde. Der Schmerz daran fehlt, und
das zeugt davon, dass die Geschichte entweder völliger
Humbug ist, weil mein Kopf vor Phantasie nur so strotzt,
oder dass das Bewusstsein diesen Teil gekonnt weggefiltert hat.

Das Bewusstsein hätte auch lieber das Erlebnis wegfiltern
sollen, das mir im Jahr 1987 wiederfahren ist. Ich
war alleine unterwegs, als mir auf unerklärliche Weise
eine Spinne auf die Pelle rückte. Vielleicht war ich
schneckenlangsam unterwegs, oder sie ein verdammtes Hexenwerk,
aber aus irgendeinem Grund hatte dieses Biest
es geschafft, sich von unten den Weg auf mein Bein nach
oben zu bahnen.

Vorgelebt, dass Spinnen nicht die Freunde der Menschheit
sind, kreischte ich was die sechsjährige Lunge hergab,
aber Hilfe kam nicht herbei. Die wenigen Sekunden
der Situation schienen ausweglos, doch Adrenalin und
letzter Mut hat mich per Schlag mit der linken Hand von
dem Tier befreit und danach so schnell Rennen lassen
wie selten zuvor.

Als Christians Mutter vom Einkaufen zurück war, hatte
unsere Mauer eine stattliche Höhe von 20 Zentimetern
erreicht. Eigentlich ist unser Ziel gewesen, einen
Schutzwall zum Verstecken zu schaffen, um anschließend
zufällige Menschen mit Schneebällen zu bewerfen.

Mit den Händen hat sich das Ziel nicht erreichen lassen.
Christians Mutter hatte bei ihrem Weggehen versprochen,
uns nach ihrer Rückkehr mit Spielzeugschaufeln
zu versorgen, was sie auch tat.

Es muss ein Freitag gewesen sein, denn kurz nachdem
wir endlich das richtige Werkzeug hatten, wurde ich nach
Hause gerufen. Freitag war Badetag und an viel mehr als
das war an diesem Abend nicht mehr zu denken.

Im selben Haus wie Christian lebte eine Frau. Ihr Ehemann
war bei der Armee, entfernt stationiert, oder die
beiden waren geschieden. Sicher bin ich mir nicht. Ihre
Tochter war in meinem Alter, sie war blond, hieß Karina
und bis heute habe ich zahlreiche Stunden damit verbracht,
sie wieder zu finden. Meine Lieblingserinnerung
an sie ist die, in der wir schweigend am Fenster ihres
kleinen Zimmers stehen und zu den Bergen schauen.
Entfernte Berge, bedeckt mit Nadelbäumen. Die Berge,
die sich rund um unsere kleine Heimatstadt erhoben,
und mehrfach Regenwolken von uns fernhielten. Meine
Erinnerung lässt Karina schwedisch, dänisch oder mindestens
norddeutsch erscheinen, ihre kräftigen blonden
Haare übten eine fazinierende Anziehung auf mich aus.
Wir gingen oft auf den selben Wegen, turnten auf Wiesen
herum, lagen sogar einmal im Sommer gemeinsam
auf der Straße – vor unser beiden Häuser – in der Sonne.
Autos gab es damals selten, Gefahr bestand keine. Der
warme Asphalt fühlte sich wundervoll an.

Unbeeinflusst und ohne Vorwarnung musste ich irgendwann
erfahren, dass Karina weggeht. Ein bisschen traurig
bin ich heute noch darüber, dass wir uns nie wieder
gesehen haben, ein bisschen enttäuscht bin ich allerdings
auch, dass alle Menschen um mich herum, die ich
in den ganzen Jahren nach ihr fragen konnte, leider
keine Hilfe leisten konnten und mir nicht möglich machten,
sie nochmal in den Arm zu nehmen.


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